
Die Grüne Insel
Dieses Jahr reisen wir in den Sommerferien nach Irland. In meiner Jugend war ich mit meiner Familie und Freunden schon einmal dort. Ich erinnere mich an sattes Grün, wohin das Auge schaute und einen kleinen Kulturschock in Dublin auf der Rückreise, nachdem wir drei wundervolle Wochen sehr naturnah verbracht hatten. Die Grüne Insel stand auf jeden Fall auf meiner Liste der Orte, die ich noch einmal besuchen möchte. Warum wir uns dieses Jahr dafür entschieden haben – naja, ich gebe zu, dass vielleicht die ein oder andere Netflix-Serie mit Drehorten in Irland einen Einfluss auf unsere diesjährige Reiseziel-Auswahl gehabt haben. Wärmere Reiseziele im Süden Europas kommen für uns im Hochsommer kaum noch in Frage. Eine anhaltende Hitzewelle mit deutlich über 30 Grad Celsius möchten wir lieber nicht miterleben. Den Süden bereisen wir gern im Frühjahr oder Herbst. Mit Wetterextremen müssen wir in Zukunft vermutlich öfter rechnen. Schauen wir uns das ohnehin wechselhafte irische Wetter mal in Zeiten des Klimawandels an.
Reiseplanung
Träumen von bewusster Verlangsamung, Abenteuer und BLick aufs meer durch ein Bullauge

Eigentlich wollte ich die Britischen Inseln gern zu Wasser erobern. Wir wohnen an der niederländischen Küste. Damit liegt der Fährhafen Hoek van Holland für uns praktisch vor der Haustür. Von Hoek van Holland kann man mit einer Linienfähre binnen etwa acht Stunden nach Harwich, GB, übersetzen. Um mit dem eigenen Auto nach Irland zu reisen geht es nach der Autofähre ab Harwich weiter quer durch England bis nach Holyhead, Wales/GB. Dort setzt man erneut über mit einer Autofähre nach Dublin, IRL. Alternativ könnten wir auch von zu Hause aus mit dem Auto drei Stunden nach Nordfrankreich fahren und von dort mit der Fährlinie Dunkerk, FR, nach Rosslare, IRL fahren. Da diese Überfahrt 24 Stunden dauert wären eine Kabinen-Übernachtung und Mahlzeiten inbegriffen. Wir würden also mit einem Mini-Kreuzfahrt-Erlebnis in den Urlaub starten.

Wieder und wieder tippele ich unsere Automarke, -länge, -höhe, Personenanzahl etc. in die Buchungsseiten der Fährlinien ein um eine Zeit- und Preisvorstellung der gesamten Reise zu bekommmen. Leider redet die Benutzeroberfläche nicht so einfühlsam mit mir, wie ich mir das wünsche. Sie will harte Fakten und monetäre Verbindlichkeiten. Ich hätte lieber Freitext für „Autolänge – weiß mein Mann“ oder „Dachgepäckträger ja/nein? – Gute Frage welchen würden Sie empfehlen? Den vom ADAC oder über amazon bestellen?“ Ich muss also schätzen. Die Anreise nach Irland mit dem eigenen Auto und den Fähren würde uns je nach selbstgewähltem Stressfaktor bis zu drei Tage kosten. Was ich als Einzelreisende oder mit Partner als „bewusste Verlangsamung“ oder „Beginn des Abenteuers ab Haustür“ beschreiben würde, so kann ich es bei einer Reise mit zwei Kindern nur auf eine Formulierung herunterbrechen: Anreise mit Stresspotential. Beim Befahren der Autofähren entstehen vermutlich Wartezeiten im Auto mit Schlangestehen, die Zwischenübernachtungen müssten effizient verlaufen mit kleinem Mini-Gepäck für eine Nacht und wir sollten zwischendurch besser nicht krank werden um die gebuchten Fähren pünktlich zu erreichen. Bei all diesen Punkten haben wir bisher in unserem turbulenten und infektanfälligen Familienleben schon schlechte Vorerfahrungen gemacht. „Lass uns fliegen“, ist der nüchterne Kommentar meines Gatten.
Wir entscheiden uns also von einem Flughafen in den Niederlanden nach Dublin zu fliegen und vor Ort einen Mietwagen zu mieten um verschiedene Ecken der Grünen Insel selbst zu erkunden.
Nochmal zurück zur Träume erfüllen – Checkliste: Verlangsamung – noch nicht bei der Anreise. Abenteuer – wird es wohl von selbst, wie ich uns kenne. Bullaugen-Optik mit Meerblick – im Prinzip Ja, nur von weiter oben.
Unterkünfte buchen
Warum ist das so teuer? Und „Schatz, wir sind wie immer viel zu spät dran!“

Die Kombi Flug und Mietwagen war schnell gebucht. Wir werden zwischen Hin- und Rückflug zweieinhalb Wochen auf der Insel verbringen. An den Unterkünften für diese Zeit tüftele ich nun schon eine Weile. Ich hatte mir romantische Zimmer in einem gemütlichen, urigen Steinhaus vorgestellt, in dem die freundlichen und geduldigen Gastgeber Bed and Breakfast bieten. Es gibt diese hübschen B&Bs, aber sie eignen sich weniger für eine vierköpfige Familie. Ein Blick auf die gängigen Zimmerbuchungs-Websites zeigt inzwischen (im Mai/Juni!) nur noch die wenigen verbleibenden und teuren Doppelzimmer, von denen wir immer zwei buchen müssten. Gleich darunter werden Event- Villas für mehrere Tausend Euro pro Woche angeboten. Dort kann man sich dann in Schlossatmosphäre zu zehnt für eine Woche wie Prinz und Prinzessin in Irland fühlen. Gern ein anderes Mal.

Auch Frühstück inklusive scheint nicht immer selbstverständlich zu sein, selbst wenn die Unterkunft in the middle of nowhere liegt. Ich mag es, im Urlaub reichlich und auch warm zu frühstücken und hatte mich schon auf tägliches irisches Frühstück gefreut mit – zumindest der Option auf – toast and beans, pancakes und sogar Fisch. Und natürlich guten Tee. Wir müssen als Familie nach einer anderen Lösung suchen.
Als Jugendliche war ich damals mit meiner Familie im Hausboot unterwegs. Eine tolle Art Irland zu entdecken. Es erlaubt viel Nähe zur Natur und das Freiheitsgefühl des Campings. Man kann in Irland weite Teile des Landes zu Boot entdecken dank einer endlosen Zahl an Flüssen und Seen. Trotzdem verbringt man bei dieser Art zu Reisen auch viel Zeit an Bord im Sitzen oder Stehen und dafür sind unsere Kinder noch zu klein und zu beweglich. Auch das Mieten eines Wohnmobils scheint mir daher noch ungeeignet und wir haben derzeit weder Erfahrung noch Ausstattung für Camping als Familie.
Ich stöbere durch Familien-Reiseblogs “Irland“, was dort für Familien empfohlen wird und finde meine erste Recherche-Frustration bestätigt. Bed and Breakfast eher ungeeignet, auch viele andere Unterkünfte teuer. Schliesslich findet mein Gatte appartments for self-catering, vergleichbar mit dem Prinzip der Ferienwohnung. Da auch die Restaurantpreise beachtlich zu sein scheinen und sich Essen im Restaurant bekanntlich mit Kindern nicht jeden Tag anbietet, scheint uns eine feste Bleibe mit Möglichkeiten zum Kochen nun doch als geeignete Wahl. Wir buchen Unterkünfte in drei verschiedenen Regionen Irlands. Für die ersten Nächte gönnen wir uns doch ein Hotelzimmer mit Frühstück um anzukommen und dann werden wir zwei verschiedene Appartments für je eine Woche beziehen.
Ein bisschen bedauere ich ja schon, dass ich morgens kein typisch irisch/britisches Frühstück von einer netten lady aufgetragen bekomme („Be careful, the plate is very, very hot!“). Vielleicht ergibt sich während der Reise die eine oder andere Gelegenheit für ein served breakfast.
Koffer packen
Wieviele Begleit-Kuscheltiere sind genug? Und: Wer füttert eigentlich die Meerschweinchen, wenn wir weg sind?

Seit kurzem haben wir Meerschweinchen. Während unserer letzten Kurztrips haben wir ein „Doppelzimmer mit Wellnessangebot“ (Fellpflege und Nägel machen) für unsere beiden Jungs auf Pferdehöfen oder in anderen Tierpensionen ergattern können. Für den begehrtesten Zeitraum, die Zeit der Sommerferien, haben wir uns – ich hatte es schon angedeutet – viel zu spät gekümmert. Mit unserer tierfreundlichen holländischen Nachbarschaft waren Alternativen zum Glück schnell geschnitzt. Die Tiere bleiben zu Hause in ihrem vertrauten Stall. Unser Hausschlüssel wird zweimal übergeben werden, damit sich Familien aus der Nachbarschaft ums tägliche Füttern der Tiere kümmern können. So weit der Plan. Vielleicht stelle ich alle unsere Topfpflanzen auch noch neben den Stall und eine Gießkanne daneben. Dann ist doch klar was gemeint ist, oder?

Das Kofferpacken für eine Familie kann vor allem die Zwanghaften unter uns leicht in den Wahnsinn treiben. Im Internet findet man hochdetaillierte Packlisten mit Hilfe derer man zwar theoretisch an alles denken und jede denkbare Situation vorbereiten kann, aber dem Mitnahmegepäck sind nun einmal Grenzen gesetzt. Außerdem will jedes Ding und jedes Kleidungsstück, das mit soll, erst aus dem laufenden Familienalltag gefischt werden. Idealerweise landet es dann auch noch in einem gewaschenen, nicht klebrigen, geladenen usw. Zustand im Gepäck.
Da wir auf der Insel einen Mietwagen benutzen werden, können wir eigentlich großzügig packen. Allerdings müssen wir alles legal und handlich durch die Gepäckaufgabe am Flughafen bekommen. Sandspielzeug bleibt zum Beispiel hier. Eine kleine Angelausrüstung wollen wir uns vielleicht vor Ort neu zulegen. Die Begleit-Kuscheltiere für die Elfe Ems werden auf zwei Stück heruntergehandelt. Für Abenteurer Frodo sind schon technische Geräte als Beschäftigung interessant („Ich darf eine halbe Stunde Tablet am Tag. Der Flug geht eine und eine halbe Stunde – wie soll das denn gehen?“ Antwort Vater: „Guck dir die Landschaft an.“ Kind: „…“). Nach mehreren Tagen mit heißen Außentemperaturen und – wieder mal – einem Infekt in der ganzen Familie sind die Koffer schließlich gepackt und wir fallen todmüde aufs Bett.

Hätte ich noch einen besonders coolen Damen-Quilt selber nähen sollen mit dazugehörigen Kinder-Quilts um meine Toleranz und Nähe zur gälischen Kultur auszudrücken? Soll ich mir heute Nacht noch eine Endlos-Schleife youtube videos mit „Lord of the dance“ anschauen um Volkstänze zu üben? Soll ich schon mal digitale Postkarten mit Kleeblatt-Motiv vorbereiten? Ja, stimmt, ich bin ein Mensch von kreativen Schnellschuss-Ideen. Aber in einem nie zuvor dagewesenen Reifungsprozess habe ich erkannt, dass es eben Ideen sind und diese erst auf zeitliche und materielle Machbarkeit überprüft werden sollten. Trotz des beinahe unerträglichen Juckens in den Fingern und dem Wunsch sich dem kreativen Flow hinzugeben, atme ich erst tief durch und reflektiere dann über genannte Ideen: Nein, nicht schaffbar bis morgen früh. Und das aus den beiden Gründen, die meistens zutreffen: Die Geschäfte haben schon geschlossen und Nachtschlaf ist mehr Wert zum Funktionieren als die eine oder andere super extra Idee. Na ja, schade. Aber ich hoffe, wir kommen mal in einem Pub vorbei, wo gerade Live musiziert und getanzt wird, mit oder ohne Vorbereitung.
Es wird Ernst
Oh Gott oh Gott oh Gott – ich bin so aufgeregt. Hatte ich erwähnt, dass Fliegen nicht meine bevorzugte Fortbewegungsart ist? Man kann es auch blande Flugangst nennen. Auf jeden Fall werde ich unendlich erleichtert sein, wenn ich heute Nachmittag wieder festen Inselboden unter den Füßen spüren werded. Zumindest für 2,5 Wochen. Ich schaue noch einmal auf die Flugtickets: 2,5 Stunden Reisezeit. Beim Rückflug keine ganze Stunde. Ah ja – Zeitverschiebung. Physisch werden wir nur 1,5 Stunden in der Luft sein. Und mit dem Mietwagen werden wir uns auch an die andere große Veränderung gewöhnen müssen – Linksverkehr mit Lenkrad rechts! Na dann…
