Von übergewichtigen Koffern, Linksverkehr und Alpakas
Aaaaah. Ich bin schon viel entspannter, seitdem meine Füße wieder Flughafen – Asphalt berühren durften. Die Kinder merken es daran, dass ich für jeden einen Schokoriegel aus dem Automaten springen lasse. Ab jetzt stört mich kaum noch etwas und das Urlaubs-gefühl wird greifbarer.

Wenn auch kürzer als eine Drei-Tage-Anreise mit Schiff ist auch diese Anreise fordernd gewesen. Rückblick: Zum Sonntag ist die Vorhalle des Flughafen Schiphol übervoll mit Menschen und Gepäckstücken aus aller Welt. Durch schier endlose Absperrbänder-Routen schlängeln wir uns zwischen Tausenden anderen Reisenden mit unseren Koffern und Rucksäcken Richtung Gepäckaufgabe. Nach kurzer boarding pass – Kontrolle (wir hatten schon online eingecheckt) fanden wir uns vor einem Selbstbedienungsautomaten für die Gepäckaufgabe wieder. Wer es noch nicht kennt: Die Automaten schlucken die Koffer einzeln und kippen sie vermutlich auf ein nicht sichtbares Laufband dahinter. Der Reisende stellt den Koffer selbst hinein und befestigt das vom Automaten ausgespuckte Label am Koffer auch selbst. Die „Automaten“ haben den Nervigkeitsgrad der Selbstscan-Kassen im Supermarkt. Theoretisch sollen sie wohl effizient und personalsparend sein, tatsächlich aber muss man doch ständig einen Mitarbeiter heranwinken, weil man nicht gleich begreift, wie das „selbsterklärende“ System funktionert und einen häufige Fehlermeldungen um den Verstand bringen. Unser Koffer habe Übergewicht, erklärt die Dame vom Bodenpersonal nüchtern. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen bewegt sie sich erhaben zwischen den bald verzweifelnden Passagieren und hat den „Schäm dich“- Blick einer strengen Kindergärtnerin aufgesetzt. Ts, ts, ts, wieder die Koffer zu voll gepackt. Wie soll denn so eine Boeing abheben, wenn hier jeder mit drei Kilo Übergewicht -äh- gepäck ankommt? Wir haben nun schon dreimal unter den Blicken der hinter uns Wartenden unsere persönlichen Sachen von Koffer zu Koffer umgepackt um jenes angebliche Kofferübergewicht auszugleichen. Früher (als alles noch besser war) konnte man einer menschlichen Mitarbeiterin erklären, dass unsere anderen Koffer unter dem erlaubten Maximalgewicht liegen zum Ausgleich und die Mitarbeiterin hätte dann freundlich „OK“ gesagt und die label selbst gescannt. Hier ist nun das Label fünfmal nicht lesbar und der Koffer (der erste von drei) kommt immer wieder zurück. Der Koffer ist nun zu leicht und das Gewicht stimmt nicht mehr mit dem Label-Aufdruck überein.
Mein Gatte verliert nur sehr selten die Fassung. Jetzt kann ich hinter ihm stehend förmlich spüren wie sein Blutdruck steigt. Nach weiteren erfolglosen Versuchen werden wir schließlich doch zum Schalter geschickt. Beschämt laufen wir mit unseren übergewichtigen, abgelehnten Koffern dorthin. Inzwischen haben wir schon einiges an Zeit verloren. Mit der Mitarbeiterin am Schalter geht es zum Glück ganz schnell. Als ich die Koffer schließlich auf einem Laufband verschwinden sehe, zwickt es mir in der Magengrube: mein missing luggage – Trauma meldet sich. Bei aller Freude die tatsächlich schweren Dinger los zu sein, hoffe ich auch, dass wir sie wiedersehen werden. Erleichtert flitzen wir weiter. Als nächstes müssen wir durch die Passkontrolle: wir verlassen den Schengen-Raum. Erfreulicherweise ist die Sicherheitskontrolle tatsächlich einfacher geworden: Die meisten Gegenstände können im Handgepäck verstaut bleiben und müssen nicht einzeln vorgezeigt werden. Wir erreichen unser Gate gerade noch pünktlich.

Der Flug verläuft ansonsten unkompliziert. Mein Gatte genießt einen Kaffee bei nun wieder normalisiertem Blutdruck, ich die Bullaugen-Optik aufs Meer, siehe oben. „Verlangsamung“ gibt es dann tatsächlich noch durch Verzögerungen beim Aussteigen aus dem Flugzeug am Ankunft-Flughafen Dublin. Abenteurer Frodo und ich schütteln beim Verlassen des Flugzeuges noch den Kopf, was die Leute so alles an persönlichen Dingen liegen lassen (Bücher, Kleidungsstücke, angefangene Getränke und Essen) bis uns in der Ankunfthalle eine freundliche Mitreisende unser Tablet in die Hand drückt. Wir hatten es auf dem Sitz liegengelassen. Auch am Gepäckband müssen wir noch lange warten. Den Kindern spürt man inzwischen die Erschöpfung an und sie werden unruhig und quengelig. Wir teilen uns auf: ich stärke mich mit den Kindern in einem Café (die Flugzeug- Sandwiches haben wir alle nicht herunterbekommen) und der tapfere Ritter Robert organisiert uns einen fahrbaren Untersatz. Dann beginnt das erste richtige Abenteuer: Linksfahren.
Einmal links herum bitte

Wir steigen ins Mietauto und können als Kontinental- Europäer erstmal nur lachen und staunen: Lenkrad rechts im Auto, Kupplung für die linke Hand. Bei einer intuitiven Tätigkeit wie dem Autofahren ist Umgewöhnung so eine Sache. Das nicht ganz neue Auto kommt außerdem noch mit einer klassischen Handbremse und einer grobgängigen Kupplung daher. Internes Navigationsgerät Fehlanzeige.


Auf dem Beifahrersitz fühle ich mich regelrecht priviligiert, da ich links vorn sitze, aber weder Fuß noch Finger krumm machen muss. Wir fahren los und versuchen uns in den Verkehr einzufädeln. Bei der Straßenführung müssen wir immer wieder gemeinsam überlegen: Wer hat Vorfahrt und von wo kommt wer? In den Kreisverkehr im Uhrzeigersinn einfahren – krass. Von links kommend auf die Autobahn auffahren… Ich navigiere uns mit dem smartphone. Mit dem Adrenalinspiegel eines Geisterfahrers fährt uns der sonst so gelassene Ritter Robert über anderthalb Stunden aus Dublin heraus in Richtung unserer ersten Ferienunterkunft: ein Hotel im County Kildare.

Bis auf ein paar Aufschreie meinerseits, wenn Ritter Robert das Auto etwas zu weit links am Straßenrand kommen lässt, kommen wir sicher am Hotel an. Die Kinder erfreuen sich an den Wiesen, die das Hotelgrundstück umgeben. Dort grasen Schafe, eine besondere Rasse mit langen krummen Hörnern. Es heißt ja, es gibt mehr Schafe als Einwohner in Irland. Zur Freude der Elfe gibt es hier auch einige Alpakas. Gibt es inzwischen auch mehr Alpakas als Einwohner in Irland? Wir werden die Augen offen halten.
Die hohe Eingangshalle des kleinen Landhotels ist sehr elegant, aber auch einladend eingerichtet mit seinen tiefen Sesseln vor dem riesigen Kamin. Die Dame am check-in ist sehr freundlich und schnell haben wir das erste Mal zusammen gelacht. Das Hotel verfügt über einen Wellness-Bereich und ein Bistro, in dem man bei Bedarf alle Mahlzeiten einnehmen kann. Die Kinder flitzen mit den Türkarten voraus um sich die besten Betten zu sichern. Kurz inspizieren wir das geräumige Zimmer. Unsere vier Betten stehen in einem Raum, Stühle, Tisch, sauberes Badezimmer. Wir setzen die Koffer ab und gehen gleich zum Abendessen im Hotel. Mit einem Glas Guiness (ladies pint für die Dame, ein pint für den Herren) kann der Urlaub nun echt beginnen.
Nach dem Abendessen kuscheln wir uns in die frischen Betten und schalten noch einmal kurz den Fernseher ein. Auf dem ersten irischen Programm läuft ein Ausscheid im Hurling. Ich habe dieses Spiel noch nie gesehen und bin baff, wieviele Menschen es dort in dem riesigen Stadion von den steilen Rängen aus mit ausgelassener Begeisterung verfolgen. Ich ahne, woher Ms Rowling ihre Inspiration für das Quidditch – Spiel hat. Wir finden keine Übersicht in dem Spiel und schalten weiter. Wir lassen James Bond die Welt vom Weltraum aus retten und schlafen erschöpft ein.

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