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Reiseblog

Willkommen am Ring of Kerry

Fühlen sie sich ganz wie Einer von tausend Touristen

So, ist es das jetzt? Der berühmte Ring of Kerry und wieder nur Huckelpiste und grüne Heckenwände ohne Sicht aufs Land? Witz gemaaaaaacht! Natürlich bietet der Ring of Kerry an vielen Stellen fantastische Aussichten. Aber diese Streckenabschnitte gibt es eben auch, mit viel Grün und nicht direkt an der Küste entlangführend.

Wir erreichen Kenmare, die Stadt an der Spitze der Kenmare Bay. Wir müssen Kenmare durchqueren um an die nördliche Seite der Bucht zukommen. Dort, auf der Halbinsel Iveragh liegt unsere nächste Unterkunft. Wir biegen also scharf rechts ab auf die Hauptstraße von Kenmare und – stehen erstmal im Stau. Es ist später Nachmittag. Wahrscheinlich kommen gerade viele Menschen von der Küste zurück und wollen landeinwärts fahren. Durch den kurzen Stau habe ich Zeit alles zu betrachten. Jeder Hauseingang ist in einer anderen Farbe gestrichen. Der Lack glänzt makellos, gerade gut genug für ein Hochglanzmagazin um Klischee- Irland abzubilden. Auf den schmalen Bürgersteigen drängen sich Touristen in Outdoorjacken mit grellen Farben. Mit angestrengten Gesichtern bemühen sie sich noch einen Platz in einer der vielen Bars zu bekommen. Überall Souvenirläden. Oh sh… denke ich. Wo ist nur das beschauliche Irland geblieben, das wir in den letzten Tagen kennengelernt haben? Der Ring of Kerry gehört angeblich zu den zehn schönsten Reisezielen der Welt. Ich dachte mir schon, dass wir die Gegend nicht gerade für uns allein haben werden. Auf den Reiseblogs hatte ich gelesen von „durch Touristen überlaufenen Orten im Sommer“. Hm, ich glaube, die haben wir jetzt gefunden. Die kommende Woche werden wir wohl wieder ganz gewöhnliche Touristen sein, vier von schätzungsweise tausend in der ganzen Region, und mit ihnen in der Schlange stehen für die spektakulären Aussichten.

Aber zunächst ist es noch immer eine halbe Stunde Fahrt und unsere Unterkunft liegt vermutlich abgelegener. Hinter Kenmare folgen wir einer schmalen Regionalstraße an der nördlichen Seite der Bucht entlang. Wir sind nun offiziell auf dem Ring of Kerry! Es gibt eine schmale Fahrspur in beide Richtungen; dicke Reisebusse quetschen sich aus der Gegenrichtung an uns vorbei. Es gibt keinen Fuß- oder Fahrradweg: wenn Wanderer, Fahrradfahrer oder Reiter auf der Fahrbahn sind, muss auf eine Gelegenheit zum Überholen gewartet werden. Die Natur wächst bis an die Straße heran. Ich schließe die Autofenster, weil ab und zu ein Brombeerzweig nach drinnen schlägt. Als die dichte Bewachsung zum ersten Mal den Blick auf das Meer freigibt, wollen wir für einen ersten Ausblick anhalten.

Am Ring of Kerry, Blick in die Kenmare Bay

Der Ring of Kerry ist, wie der Name schon sagt, eine ringförmige Landstraße, die entlang der Küste der Halbinsel Iveragh im County Kerry verläuft. Im Nordosten schließt sich der Ring im wunderschönen Killarney Nationalpark. Entlang der teils steilen Küstenlinie ist sie auch die einzige Straße, die sich auf halber Höhe um die Felsen windet. Entlang der weltberühmten Panoramastraße gibt es immer wieder Haltebuchten, an denen die Touristen „mal eben schnell für ein Foto“ aus dem Auto springen können. Wir erwischen einen der begehrten Halteplätze und steigen aus. Es duftet nach Kiefer und salziger Meeresluft. Die Wolken hängen noch immer so tief, dass wir kaum die andere Seite der Bucht erkennen können. Aber direkt vor uns haben wir einen ersten schönen Ausblick auf die steilen Küstenfelsen und die vielen kleineren Felskuppen, die aus dem Meer hinausragen und dem Küstenbild etwas wildes und rauhes geben. Der Ring of Kerry ist hier gleichzeitig auch ein Teil des Wild Atlantic Way, der die gesamte Westküste Irlands entlangführt. Da ich als einzige von uns schon einmal in Irland war, hatte ich die ganze Zeit ein bißchen das Gefühl, die anderen noch „überzeugen“ zu müssen, wie schön Irland ist. Aber dabei hilft die Insel nun kräftig mit. Ritter Robert, der sich niemals unbegründet zu ausgelassener Begeisterung hinreißen lässt, beginnt jetzt wirklich Gefallen zu finden an der Landschaft.

Noch etwas weiter schlängeln wir uns bis zu unserer zweiten Ferienunterkunft. Wir werden für eine Woche eine Ferienwohnung in einem Appartementblock bewohnen. Dieser ist an ein Hotel angegliedert ist. So haben wir nun die Vorzüge einer Ferienwohnung wie Kochgelegenheit und Waschmaschine, können aber bei Bedarf im Hotel frühstücken oder Abendessen oder nach extra Handtüchern fragen. Die Dame am Empfang ist einsilbig, wirkt gelangweilt routiniert. Wir vermissen unser kleines, gemütliches Landhotel von heute Morgen, in dem uns jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde („You are going for a swim? Lovely! Can I give you some extra towels, guys?“) Das Appartement ist steril, aber praktisch eingerichtet. Der Hotelsaal, in dem wir mit vielen anderen Hotelgästen zu Abendessen, ist groß und es entsteht ein entsprechender Lärmpegel. Im Saal nebenan wird für eine Hochzeit am nächsten Tag eingedeckt. Die Größe und die Anonymität der ganzen Anlage überwältigen uns etwas. Ich bin froh, als wir nach dem Essen zu einem Abendspaziergang nach draußen gehen. Zum Hotel gehört eine hübsche Gartenanlage mit verschiedenen Wegen, die hinunter in die kleine Bucht führen. Kleine Schaluppen liegen hier an Bojen festgemacht in dem stillen Wasser, es riecht nach Algen. Müde von diesem Fahrtag lassen wir den Blick über die kleine Bucht schweifen bis hoch in die noch immer wolkenverhangene Hügelkette in der Ferne und sind gespannt, was uns diese Woche Kerry bringen wird.

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