Via Limerick: Ist das der King John von Robin Hood?
Ein langer Fahrtag liegt vor uns bis in die Region Connemara im County Galway. Das Packen des Autos gestaltet sich mühsam, vielleicht wollen wir gar nicht so richtig hier weg?
Um die Region zu verlassen dürfen wir noch einmal den Ring of Kerry auf dem nördlichen Teil genießen mit dem majestätischen Ausblick ins Killarney Valley. Hinter Killarney Stadt geht es für uns immer weiter Richtung Nordosten.
Nach der Wildheit des Killarney National Parks wird die Landschaft im nördlichen County Kerry zunächst etwas milder, im folgenden County Limerick oft auch städtisch gepflegt. Ganz zu schweigen von den Golfplätzen. „Guckt mal ein wilder Fluss!“, „Guckt mal eine sehr alte Kirche!“, „Schaut mal, die Ruine von …etwas sehr Altem.“ Keine Reaktion von der Rückbank. Die Kinder haben sich schnell in ihre gewohnte Autobeschäftigung eingefunden: Sie quasseln auf der Rückbank und planen die größte Geburtstagsparty des Jahres (Ein dreitägiges Fest inklusive Übernachtungs-party mit abends Film schauen und Popcorn essen, tagsüber Wasserspiele und endlos Kuchenbüffet. Kurzum: ein Albtraum für Eltern, die diese Party ausrichten müssten.)
Direkt an der wilden Atlantikküste entlangzufahren würde viel mehr Strecke bedeuten. Das schaffen wir heute leider nicht. Auch die Cliffs of Moher liegen zu weit ab von unserer Fahrstrecke. Aber wieder bietet sich eine Burg zur Besichtigung an auf halber Strecke: Wir werden King John´s Castle in Limerick besuchen.

Die Universitätsstadt Limerick ist mit 100.000 Einwohnern (mit Vororten) die drittgrößte Stadt in Irland. Als wir ankündigen, dass wir uns eine sehr alte Burg ansehen wollen, ernten wir wieder nur Stöhnen von den Kindern. „Ob das der King John von Robin Hood ist?“, murmele ich auf meinem Vordersitz. Aha! Das Interesse am Museum ist geweckt.
Nach einem Sandwich im Pub gegenüber bezahlen wir Eintritt für King John`s Castle, dass innen zum Museum ausgebaut ist. Die Kinder bekommen einen Rätselbogen für aufmerksames Schauen und Suchen im Museum. Sie dürfen sich dazu einen Stift in ihrer Lieblingsfarbe aussuchen. Beide verstehen die Frage und antworten auf Englisch. Stolz!!! Überhaupt haben sie in den letzten Tagen gemerkt, wieviel sie jetzt doch verstehen und neben Good-bye! und Thank you! auf Englisch beitragen können.



Die interaktive Ausstellung ist für Kinder wirklich toll gemacht. Sie dürfen sich mittelalterlich verkleiden, können ihre Kräfte messen beim Anheben einer Kanonenkugel und bauen einen Fensterbogen aus „Stein“ wie ein echter mittelalterlicher Baumeister. Einen Haken nach dem anderen können wir machen auf der Entdeckerliste. Wir Erwachsenen staunen über das goldene Zeitalter Irlands. Gälisch war eine der ersten Sprachen Europas, die durch Mönche niedergeschrieben wurde. In der ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt kannte das Land bereits ein ausgeklügeltes Rechtssystem und das irische Goldschmiede-Handwerk war weithin angesehen. Wir gruseln uns bei den Berichten aus den folgenden, dunklen Zeiten unter der Herrschaft von Elizabeth I. mit Folter und Hungersnöten.


Nach der Innenrunde kommt die Außenrunde und wir haben viel Spaß bei den mittelalterlichen Hofspielen wie Hufeisenwerfen und Wippen. Beim Tauziehen wird wieder einmal deutlich, dass Kinder sich auch über Sprachbarrieren hinweg verständigen können und mühelos miteinander spielen. Am Ende ziehe ich mit vier Kindern an einer Seite des Taues, aber gegen den starken Ritter Robert an der anderen Seite haben wir keine Chance.

Wir sind gut müde und ausgespielt nach dem Museum, haben allerdings noch den zweiten und anstrengenderen Teil der Strecke vor uns bis nach Connemara. Wir geraten in den Berufsverkehr zwischen Limerick und Galway. Auch um die Stadt Galway ist es dicht. Autos mit Pferdeanhängern bitte rechts einordnen, am Wochenende ist Derby.
Irgendwann lassen wir die städtischen Gefilde hinter uns. Es hat Sprühregen eingesetzt. Die Kinder bekommen einen langen Lachanfall, weil der Scheibenwischer hinten angeblich Pupsgeräusche macht. Im Radio läuft endlich einmal Irische Musik auf einem regionalen Sender. Wie vor einer Woche bei Ankunft am Ring of Kerry hängen die Wolken so tief, dass keine Fernsicht möglich ist. Eigentlich müsste hier eine Bergkette neben uns zu sehen sein. Die Landstraße ist top in Schuss, doch die Bebauung wird immer weniger. Über fast 100km (!) fahren wir immer tiefer in eine Landschaft aus vielen kleinen Seen oder auch nur Wasserflächen mit abgerundeten Mini – Inselchen. Sie wechseln sich ab mit felsig durchsetzten Weiden, auf denen einzelne Pferde grasen. So stelle ich mir die Moore in Schottland vor. Was ist das nur in Irland, dass einen jeder Landstrich an eine Landschaft anderswo in der Welt erinnert? Irland, die Insel der 100 Landschaften.

Der Regen hat zugenommen und die wenigen entgegenkommenden Autos haben Licht eingeschaltet. Etwas mulmig wird mir langsam schon. Diesmal haben wir wirklich ein abgelegenes Ferienhäuschen zur Selbstversorgung. Das ist es doch, was die Städter suchen, oder, Ruhe und Abgelegenheit?
Irgendwann durchfahren wir wieder Ortschaften. Der letzte größere Ort, der schon in der Nähe unseres Häuschens sein müsste, hat einen Supermarkt, Erleichterung meinerseits. Die Hauptstraße windet sich jetzt um viele Kurven und überrascht mit Gefälle hinter Häuserecken. Außerhalb der Ortschaften windet sich die schmale Straße um wildbewachsene Berge. Wir überqueren kleinste Steinbrücken, die über gar nicht so kleine Flüsse führen. Die einheimischen Autos quetschen sich mit selbstbewusstem Tempo (und ortskundiger Sicherheit) an uns vorbei. Hier und da schauen wir über die niedrigen Steinmauern am Straßenrand in felsige, algenbewachsene Buchten. Dahinter wird es nochmals flacher. Eine komplizierte Landschaft.



Häuser erscheinen jetzt als einzelnstehende Bungalows, teils mit sehr gepflegten Außenanlagen. Auch viele Bauruinen sehen wir. Da fragen wir uns immer: sind sie noch nicht fertig gebaut oder wurden sie aufgegeben? Durch Einheimische oder ausländische Investoren? Bei richtig verfallenen Ruinen machen wir Witze, dass das wohl unsere Ferienwohnung sein wird. Die Landschaft ist flacher geworden und der Regen weniger. Wir sehen nun winzige Strände in Buchten, mal links, mal rechts der Straße, aber keine offene See. Es ist schwer sich zu orientieren in dieser fremden Landschaft. Dann ein Schild: Diese kleine Straße ist der Wild Atlantic Way! Wir müssten zumindest in der Nähe der Küste sein.

Laut der Navigation sind wir angekommen. Es ist inzwischen neun Uhr abends. Wir stehen auf einem Parkplatz umgeben von sechs gleichartigen Ferienhäuschen. Hinter den Häusern wölbt sich in der sonst flachen Landschaft ein Hügel auf, auf dem eine sehr pittureske Burgruine steht. Ich weiß schon, was wir morgen Vormittag machen!
Erst nach drei Runden ums Haus entdecken wir die keybox hinter einer Dachrinne. Wir entladen nur das Nötigste für heute und beziehen das Ferienhaus. Es ist zweistöckig, gefällig eingerichtet wie ein Strandhaus und mit guter Ausstattung. Auf dem Bett liegen die flauschigsten Handtücher, die ich jemals benutzen durfte! Die Kinder laufen die teppichweichen Treppenstufen hoch und wieder runter, machen sich das Haus zu eigen. Wir kochen uns noch ein kleines Essen, schauen einen Olympia – Ausscheid an (wir sind für Irland, Niederlande und Deutschland!) und gehen seeeehr müde ins Bett.

Hinterlasse einen Kommentar